Rovema - Peter Lökös im Interview

Sandra Weller, vor-ort-foto.de

NACHHALTIGE VERPACKUNGEN- Über 30 000 Verpackungsmaschinen und -anlagen hat der Verpackungsmaschinenbauer Rovema weltweit an Kunden aus dem Food- und Non-Food-Bereich geliefert. Mit Peter Lökös sprechen wir über nachhaltige Verpackungslösungen, deren Angebot Rovema seit Jahren konsequent ausbaut.

Rovema setzt bei Lebensmittelverpackungen zunehmend auf Papier und Monopackstoffe. Worin bestehen die Vor- und Nachteile?
Die Vorteile sind ihre Recyclingfähigkeit, der zunehmende Einsatz nachwachsender Rohstoffe und die höhere Verbraucherakzeptanz. Allerdings müssen sich die neuen Packstoffe an Kunststoffen und Verbundmaterialien messen lassen, die in den letzten 20 Jahren speziell für die Bedürfnisse der Lebensmittelindustrie entwickelt und optimiert wurden. Aspekte wie der Produktschutz, die Lebensmittelsicherheit oder die Wirtschaftlichkeit standen dabei im Fokus. Papier kann mit den Barriere-Eigenschaften der Kunststoffe und Verbundwerkstoffe nicht mithalten und ist schwieriger zu verarbeiten, was teils zulasten der Prozessgeschwindigkeit geht. Wir arbeiten mit den führenden Packmittelherstellern daran, diese Nachteile zu minimieren. Monopackstoffe auf Kunststoffbasis sind ein guter Kompromiss. Sie sind recyclingfähig, haben akzeptable Barriere-Eigenschaften und lassen sich gut verarbeiten. Letztlich hängt es vom Produkt und der geforderten Lagerdauer ab, welcher Packstoff der richtige ist.  

"10 Mrd. Menschen müssen 2050 ernährt werden. Das geht nicht ohne Verpackungen."

Plastikmüll in Meeren und dubiose Müllexporte haben Verpackungen in Verruf gebracht. Warum wiegt der Nutzen von Verpackungen die öffentlich thematisierten Nachteile auf? 
Zunächst einmal ist nicht die Verpackung das Problem, sondern der Umgang damit. Wo Entsorgungssysteme mangelhaft sind oder ganz fehlen und wo Verbraucher Verpackungen achtlos wegwerfen, kommt es zu den genannten Problemen. Doch meist wird übersehen, wie Verpackungen zur Lösung der globalen Umwelt und Ernährungsfragen beitragen. Ein Drittel der weltweit erzeugten Nahrungsmittel verderben auf dem Weg zum Verbraucher - vor allem, weil sie unverpackt bleiben. Das hinterlässt nicht nur einen riesigen CO2-Fußabdruck. Ohne Verpackungen wird es außerdem nicht möglich sein, bis 2050 zehn Milliarden Menschen zu ernähren. Ob Transport, Lagerung, Vorratshaltung oder Handel – Verpackungen schützen Produkte vor Schäden, verlängern die Haltbarkeit und sind nicht zuletzt wegen der Kennzeichnungspflichten unverzichtbar. Wie sonst sollten die Angaben zu Inhaltsstoffen, Haltbarkeitsdaten, Gewicht oder Nährwerten für Verbraucher zugänglich gemacht werden? Es geht also nicht um einen Verpackungsverzicht, sondern um den Aufbau effizienter Entsorgungs und Recyclingsysteme. Dazu tragen wir mit unseren Lösungen gerne bei.

Laut EU-Plastikstrategie sollen Kunststoffverpackungen ab 2030 generell recyclingfähig sein. Ist das machbar?
Technisch ist das absolut machbar. Große Teile unserer Branche streben dieses Ziel sogar schon für 2025 an, darunter große Handelsketten sowie globale Lebensmittel- und Verpackungshersteller. Dafür werden sie auf papierbasierte Rohstoffe und recyclingfähige Monomaterialien umstellen. Allerdings gibt es dafür durchaus noch technischen Anpassungsbedarf, vor allem was die Schutzwirkung und die Maschinengängigkeit dieser Materialien betrifft. Vor allem aber stellt sich die Frage der politischen Umsetzbarkeit. Es bringt wenig, auf recyclingfähige Packstoffe zu pochen, ohne den Ausbau der Recyclingstrukturen massiv voranzutreiben

"Papier kann mit den Barriere-Eigenschaften der Kunst- und Verbundwerkstoffe nicht mithalten."

Inwieweit müssen Sie Ihre Maschinen für den Einsatz recyclingfähiger Packmittel anpassen?
Wir haben zwei Handlungsfelder ausgemacht. Einerseits die Bestandsmaschinen, für die wir seit Längerem Nachrüst- und Modernisierungslösungen entwickeln. Damit können unsere Kunden ihre Verpackungslinien an die Verarbeitung der neuen Materialien anpassen. Bei neueren Maschinen genügen teils Software- Updates. Doch viele unserer Anlagen laufen 20 Jahre und länger. Auch solche Oldtimer lassen sich nach technischer Prüfung teils mit neuer Hard- und Software noch für die Packmittel-Umstellung fit machen. Andererseits passen wir unsere Neumaschinen an. Diese bieten ab Werk maximale Flexibilität zur Verarbeitung unterschiedlicher Packstoffe. Dafür sind die jeweiligen Parametersätze in den Steuerungen hinterlegt und lassen sich mit wenigen Klicks aufrufen.

Verändert die Nachfrage nach nachhaltigen Packaging-Lösungen die Interaktion mit den Anwendern Ihrer Verpackungstechnik?
Gute Verpackungslösungen setzen Packstoff-, Produkt- und Maschinen- Know-how voraus. Darum arbeiten wir seit jeher eng mit Packmittelherstellern und den Herstellern der Produkte zusammen, die es zu verpacken gilt.

„Bei mittelständischen Kunden ist ein erhöhter Beratungsbedarf zu verzeichnen.“

Globale Lebensmittelkonzerne mit eigenen Forschungszentren wissen genau, was sie wollen. Sie unterstützen wir mit entsprechender Maschinentechnik für die Auslegung ihrer Prozesse.Bei mittelständischen Kunden ist dagegen aktuell erhöhter Beratungsbedarf zu verzeichnen.Wir helfen ihnen bei der Auswahl der Packmittel und erproben deren Einsatz in unserem Technikum. In 120 Packstofftests jährlich bringen wir die Prozesse in enger Kooperation mit den Kunden und den Herstellern der ausgewählten Packstoffe zur Serienreife.

Ist das wachsende Umweltbewusstsein eher eine Chance oder ein Risiko für Verpackungsmaschinenbauer? 
Ganz klar eine Chance! Wir haben alle Hände voll zu tun, um Lösungen für die Verarbeitung von nachhaltigen Packstoffen zu entwickeln und weiter zu optimieren. Für uns war die Plastikdiskussion zu keinem Zeitpunkt eine Bedrohung – im Gegenteil. Denn wir haben über viele Jahre genau die Lösungskompetenzen aufgebaut, die aktuell für die notwendigen Umstellungen gefragt sind.

Steigt die Nachfrage nach umweltverträglichen Lösungen weltweit – oder ist das ein regional begrenztes Phänomen?
Regionale Aspekte spielen natürlich eine Rolle. Aber auch die Schwellenländer Asiens arbeiten mittlerweile mit Hochdruck an umweltverträglicheren Lösungen. Und diverse Länder Afrikas verbieten den Einsatz von Plastiktüten und Einwegprodukten. Es bleibt zu hoffen, dass der Bewusstseinswandel zum flächendeckenden Aufbau von Entsorgungs- und Recyclingsystemen führt. Denn nur damit kann der Übergang in eine Circular Economy gelingen.

Verhüllung ist Verheissung
Christos Faible für Verpackungen wird nicht von allen geteilt. Besonders in Deutschland wurde die Verpackungsdiskussion lange emotional und einseitig geführt: Der Fokus auf mögliche Umweltbelastungen durch erhöhte Müllaufkommen versperrte den Blick auf positive, die Umwelt entlastende Effekte. So verderben weniger Lebensmittel, wenn sie passgenau verpackt werden. In Pandemiezeiten steigen zudem die Ansprüche an die Hygiene, was sich in einer erhöhten Nachfrage nach verpackten Lebensmitteln niederschlägt. Auch wächst die Bedeutung des Onlinehandels. Herstellern konsumnaher Verpackungsmaschinen eröffnet sich nun die Chance, zu den ersten Krisenüberwindern zu zählen – und andere Branchen mit sich zu ziehen. Dieser konjunkturelle Auftrieb darf jedoch nicht den voranschreitenden Strukturwandel verschleiern. Für eine verheißungsvolle Zukunft sind gerade jetzt Innovationen erforderlich. Nur so kann die Industrie nachhaltig wachsen.

 

Quelle „VDMA Magazin #11 November 2020

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